Wenn alles zu viel wird – wie Überlastung entsteht und wie du wieder zu dir findest
Es gibt Momente im Leben, in denen man merkt, dass sich etwas verschoben hat. Man macht weiter, aber der innere Zustand trägt nicht mehr so wie früher. Kleine Dinge werden schwer, Gedanken laufen in Schleifen, der Körper bleibt angespannt, obwohl nichts Außergewöhnliches passiert. Entscheidungen fühlen sich größer an, als sie sind. Und dann kommt irgendwann dieser Satz: „Es wird mir alles zu viel.“
Viele Menschen erleben diesen Punkt nicht als dramatischen Zusammenbruch, sondern als leisen Verlust ihrer inneren Ordnung. Man spürt, dass man eigentlich dieselbe Person ist, aber man lebt sich selbst nicht mehr mit derselben Leichtigkeit. Das System rutscht in einen Modus, in dem man zwar noch funktioniert, aber ohne die Kraft, die früher selbstverständlich war.
Überlastung ist kein Charakterproblem. Sie hat wenig mit „Stressresistenz“ oder „mentaler Stärke“ zu tun. Sie ist ein biologischer Zustand, der entsteht, wenn Belastung, Erholung und inneres Gleichgewicht nicht mehr zusammenpassen. Unser Körper ist darauf ausgelegt, Phasen hoher Anforderung auszugleichen. Er kann sich anpassen, regenerieren, stabilisieren. Doch diese Fähigkeit hat eine Grenze. Wenn Erholung nicht mehr greift, verlieren Körper und Psyche allmählich ihre gemeinsame Rhythmik.
Viele Menschen übersehen diesen Prozess, weil sie glauben, Überlastung entstehe durch „zu viel Tun“. Doch eigentlich entsteht sie dadurch, dass der Körper nicht mehr in die Lage kommt, sich wiederherzustellen. Der Stresspegel bleibt erhöht. Die innere Aktivierung kommt nicht mehr vollständig herunter. Ruhe wirkt nicht mehr als Erholung, sondern nur noch als kurzer Pausenraum, der sofort wieder überdeckt wird von der nächsten Anforderung. So entsteht jener Zustand, den viele als „nie richtig ausgeschlafen“ oder „ständig angespannt“ beschreiben.
Was anfangs wie Müdigkeit wirkt, ist in Wahrheit ein Zeichen, dass der natürliche Zyklen von Belastung und Regeneration aus dem Takt geraten ist. Und damit beginnt ein Prozess, der Überlastung stabilisiert: Der Körper gewöhnt sich an die erhöhte Grundspannung. Er bleibt im Alarmmodus, auch wenn im Außen nichts mehr drückt. Man verliert die reale Einschätzung der eigenen Grenze.
Irgendwann entsteht das Gefühl, dass sogar die kleinste zusätzliche Aufgabe das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Nicht, weil die Aufgabe so groß ist – sondern weil die Kapazität so klein geworden ist.
Viele Menschen beschreiben diese Phase als „Nebelschicht“ oder „Entfernung zu sich selbst“. Die Fähigkeit, zu spüren, was guttut, was zu viel ist und was stärkt, geht verloren. Entscheidungen kosten Energie. Begegnungen strengen an. Der Körper hält fest, der Kopf sucht nach Ordnung, das Herz fühlt sich gleichzeitig eng und überreizt an. Man lebt im Modus der Kompensation, nicht im Modus der Handlung.
Genau an diesem Punkt beginnt die Suche nach Erholung – doch klassische Erholung funktioniert oft nicht mehr. Pausen, Wochenenden, Urlaub: sie bringen zwar Ruhe, aber keine Stabilität. Man schaltet ab, aber man kommt nicht tief genug herunter. Die innere Spannung bleibt bestehen. Besonders tückisch ist, dass Unterforderung denselben Druck auslösen kann wie Überforderung. Reine Passivität überlädt das System genauso, weil sie kein Signal zur Neuordnung sendet. So entsteht der Eindruck, dass „nichts mehr hilft“.
Ein Retreat kann an dieser Stelle etwas bewirken, was im Alltag kaum möglich ist: Es unterbricht den Zustand. Nicht, indem es Ablenkung schafft, sondern indem es den biologischen Rhythmus wieder in Gang setzt. In der Stille der Alm fällt vieles ab, was im Alltag ständig im Hintergrund arbeitet. Die Reize werden weniger. Der Körper merkt: Es passiert nichts, das abgewehrt werden muss. Dieser Moment – oft unspektakulär – ist der Beginn echter Erholung.
Die Arbeit mit den Eseln führt Menschen dann noch näher an ihren tatsächlichen Zustand heran. Ein Esel reagiert nicht auf Rollen, Konzepte oder gewohnte Verhaltensmuster. Er reagiert auf Spannung, Unsicherheit, Ruhe, Klarheit. Diese unmittelbare Rückmeldung wirkt wie ein Spiegel, der nicht bewertet, sondern nur zeigt. Viele erleben durch diese Resonanz zum ersten Mal seit Langem wieder, wie es sich anfühlt, wirklich in ihrem Körper anzukommen. Nicht im Kopf, nicht in Gedanken – sondern im unmittelbaren Erleben.
In diesem Moment öffnet sich die Tür zur eigenen Grenze. Und ohne diese Grenze kann es keine Erholung geben.
Die Sporttherapie setzt genau dort an. Sie aktiviert den Körper behutsam, readinessgeführt, ohne Leistungsanspruch. Der Körper bekommt einen Reiz, den er verarbeiten kann. Diese Aktivierung bringt Bewegung in Systeme, die zuvor festgehalten haben: Atmung, Muskeltonus, Kreislauf, Stoffwechsel. Danach fällt das System in eine tiefere Form der Ruhe. Genau diese Kombination – Resonanz, Bewegung, Entlastung – bringt Menschen zurück in einen Zustand, in dem die innere Ordnung wieder wachsen kann.
Überlastung löst sich nicht durch Rückzug allein. Sie löst sich, wenn der Körper wieder versteht, wie er belasten und regenerieren kann. Wenn er sich nicht mehr verteidigen muss. Wenn er sich wieder sicher fühlt. Und wenn Aktivität und Ruhe wieder zueinanderfinden. Erst dann entsteht jene Stabilität, die viele Menschen vergessen haben, weil sie so lange gefehlt hat.
Menschen, die zu AlmZeit kommen, sagen am Ende häufig denselben Satz:
„Ich fühle mich wieder wie jemand, der etwas tragen kann.“
Das bedeutet nicht, dass sie in kürzester Zeit „funktionieren“. Es bedeutet, dass sie wieder Zugang zu sich selbst haben, dass ihr innerer Raum größer geworden ist und dass ihre Fähigkeit, mit dem Leben umzugehen, zurückkehrt.
Überlastung ist kein Scheitern.
Sie ist ein Signal.
Ein Ruf des Systems, der sagt: „Bring mich wieder in meinen Rhythmus.“
Wenn dieser Rhythmus zurückkehrt, entsteht nicht nur Ruhe – es entsteht auch ein Gefühl von Stärke, das nicht auf Anstrengung basiert, sondern auf innerer Ordnung.